Verlorene Bauwerke – Der gute Ort in Leipzig

Die Feierhalle von Wilhelm Haller (Copyright: Frei)
Die Feierhalle von Wilhelm Haller (Copyright: Frei)

Vor 75 Jahren wurden die letzten Überreste eines Gebäudes geräumt, das in der  Architekturgeschichte der Leipziger Region als letztes Nachbeben des Expressionismus gilt. Die Feierhalle auf dem Neuen Israelitischen Friedhof in Leipzig wurde wie andere jüdische Sakralbauten Opfer der Pogrome 1938. Am „guten Ort“ brauchten die Nazis länger. An der Rabitzbetonkuppel bissen sie sich die Zähne aus.

 

Von Daniel Thalheim

Otto Morgenstern überwachte die Abrissarbeiten und stand im Briefwechsel mit dem Leipziger Baupolizeiamt. Er teilte dem Amt im Auftrag der im 19. Jahrhundert gegründeten Religionsgemeinde mit, dass die heute noch existierende Firma (Max) Süptitz die damaligen Bau- und Schutzgerüste zur Verfügung stellte. Arno Barthel aus Leipzig-Wahren war der Sprengmeister. Die Dachdemontage übernahm Paul Engelhardt, die Zimmererarbeiten Otto Burckhardt, Klempnerarbeiten Richard Dietrich, Heizungsdemontage Ludwig Siber sowie den Abbruch und Aufräumung des gesprengten Mauerwerks die Firma Burckhardt & Thier. Morgenstern ließ die Kuppelhalle nicht aus freien Stücken sprengen und und die bereits im November 1938 durch Brand zerstörten Flügelbauten räumen. Alles geschah unter Druck der Verwaltung.
Der Abbruch begann am 13. Februar 1939. Bereits im Januar bis Februar 1939 erfolgten die näheren Vorbereitungen für Demontage und Abriss. Gleiches betraf die Leipziger Synagogen. Die Räumung der jüdischen Läden, die meist der jüdische Privateigentümer, bzw. Pächter oder Mieter übernehmen musste, wurde ebenfalls zum Jahresanbruch 1939 veranlasst. Im Mai 1939 teilte die Israelitische Religionsgemeinde die restlose Abtragung der Feierhalle sowie Einebnung des Geländes an das Baupolizeiamt mit.
Der Nachfolgebau der 1939 abgerissenen Feierhalle wurde bereits in den frühen fünfziger Jahren von Walther Beyer geplant. Vom Staatssekretariat für Kirchenfragen wurde die schlichte Halle mit Geldern bezuschusst. Die damalige Gemeinde umfasste gerade einmal vierzehn Mitglieder von über sechzehntausend. Aufgrund der geringen Mitgliederzahl schien ein neuer Bau notwendig zu sein, aber in merklich kleinerer Ausführung und schlichterer Gestaltung.

Inneres der Feierhalle - Blick zur Kuppel (Copyright Frei 1927)
Inneres der Feierhalle – Blick zur Kuppel (Copyright Frei 1927)

Zuvor befand sich ein Denkmal auf dem quadratischen Grundriss der abgerissenen Feierhalle von Wilhelm Haller (1886 – 1956), dessen Keller mit Schutt derselben ausgefüllt und mit Rasen abgedeckt wurde. Mit der Planung des neuen Aussegnungsgebäudes wurde das Denkmal versetzt. Walther Beyer folgte im Grundriss den Umfassungsmauern des Kellers der vorigen Feierhalle. So steht der jetzige Bau auf den Grundmauern und Fundament des monumentalen Baus von Wilhelm Haller.
Die neue, 1955 geweihte, Feierhalle befindet sich heute noch am „guten Ort“, wie Israeliten ihre Friedhöfe nennen. Die neue Kapelle besitzt Raum für sechzig Sitzplätze sowie Nebenräume und Wirtschaftskeller. Beyer plante eine Stuckarbeit für die Decke der Halle. Heute befindet sich im Inneren die Skulptur von Raphael Chamizer (1882-1957), die Anfang der Neunziger Jahre von dem Alten Israelitischen Friedhof aufgrund der dortigen Schändungen überführt wurde. Sonst erinnert nichts an die Vorgeschichte eines Gebäudes, das in den Zwanziger Jahren Wellen in der Fachwelt schlug, wenn auch nur kleine.
Zehn Jahre vor ihrem Abriss war die Halle ein Novum. Die Leipziger Feierhalle auf dem neuen Israelitischen Friedhof stand im Mittelpunkt in Wilhelm Hallers Schaffen für Leipzig. Bereits zur Fertigstellung besaß sie den Status eines „Wahrzeichens“, da sie mit ihrer außergewöhnlichen Architektur, die Menschen in ihren Bann zog, schrieb Günther Meyer in seinem 2005 erschienenen „Der Friedhofswegweiser – Diesseits und Jenseits“. Zeitgenossen waren begeistert über die Ausführung des Hauses, welches für die jüdische Gemeinde Symbolkraft besaß. Einerseits wies der Friedhofsbau auf den Reichtum und die Vielfalt der Israelitischen Religionsgemeinde hin, die aus den vielfältigen Religionsströmungen Europas und dem Nahen Osten ihre Kultur und Ausstrahlung schöpfte, andererseits blickt Hallers Kuppelbau in die Moderne, scheint nahezu den Gipfel darzustellen, den die Leipziger Gemeinde seit ihrem Entstehen im frühen 19. Jahrhundert und stetigem Anstieg bis in die Weimarer Republik erklomm.
Die Friedhofsanlage wurde im Laufe des Jahres 1927 ausgeführt und 1928 vollendet. Schon im September 1927 zeichnete sich ein Ende der Bauarbeiten an dem Gebäudekomplex des jüdischen Friedhofs an der Delitzscher Landstraße ab. Doch Geldmangel zögerte die Fertigstellung der Halle hinaus, die im Dezember des gleichen Jahres als Rohbau fertig gestellt war, um bei Bedarfsfall diese Räumlichkeit nutzen zu können. Die Weihe der auf fünfhundert Sitzplätze ausgelegten Haupthalle fand am Sonntag, dem 6. Mai 1928 statt. Die Leipziger Feierhalle bot ein Aufsehen erregendes Bild, das detailliert in der Leipziger Gemeindezeitung beschrieben wurde.
Aber wer war der Architekt? Wilhelm Haller wurde 1884 im polnischen Gliwice geboren, das in der Wilhelminischen Epoche noch zum Deutschen Reich gehörte und Gleiwitz hieß. Seine Eltern zogen ihm nach Reichenau in Sachsen. Lesen Sie den kompletten Artikel in der aktuellen Ausgabe von „Artefakte“ zum freien Download…

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5 Antworten auf “Verlorene Bauwerke – Der gute Ort in Leipzig”

    1. Danke für den Hinweis. Mir ist das Urheberrechtsproblem seit meiner Magisterarbeit von 2006 bekannt. Das Bild ist für nicht-kommerzielle Zwecke seitens der Kustodie der Universität Leipzig freigegeben worden. Eine direkte Urheberschaft kann zweifelsfrei nicht festgestellt werden. Die Fotos wurden von einem damaligen Mitglied der Israelitischen Religionsgemeinde gemacht und wurden erstmals 1932 in Max Reimanns Monografie zu Wilhelm Haller / Architekt publiziert. Vor einer kommerziellen Veröffentlichung des Fotos scheute sich aber die seit Ende Mai 2015 aktive „Leipziger Zeitung“ auch.

    1. Betrifft die Diskussion den Wikipedia-Artikel, der von mir über Wilhelm Haller und sein Werk verfasst wurde und ebenfalls auf meiner Magisterarbeit basiert?

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